Hände, die sprechen

Gefühlsstarke Handstudie in Rötel auf getöntem Papier

Fach Bildnerisches Gestalten
Thema Handstudie – gefühlsstarke Hände
Zielgruppe Teenager / Oberstufe
Dauer ca. 12–16 Wochen
Technik Bleistift (Vorübungen), Rötel und weisse Kreide auf getöntem, mattem Papier (Chiaroscuro)
Endprodukt Eine Handstudie deiner eigenen Hand, die einen Gegenstand hält und eine Emotion sichtbar macht – aus einer ungewöhnlichen Perspektive, Format A3

Aufgabenstellung

Hände können fast so viel erzählen wie ein Gesicht. Eine geballte Faust, eine schlaff im Schoss liegende Hand, zwei Hände, die etwas schützend umschliessen – du verstehst sofort, was gemeint ist. Darum gilt die Hand seit Jahrhunderten als Königsdisziplin des Zeichnens: Sie ist anatomisch kompliziert und gleichzeitig enorm ausdrucksstark.

In diesem Projekt zeichnest du deine eigene Hand. Sie hält einen Gegenstand, der zu einer Emotion passt, die du ausgewählt hast. Du zeigst die Hand aus einer ungewöhnlichen Perspektive und arbeitest wie die alten Meister: mit Rötel und weisser Kreide auf getöntem Papier. Das Ziel ist nicht nur eine anatomisch stimmige Hand, sondern eine Hand, bei der die Betrachtenden spüren, was in der Person vorgeht.

Was ist eine Handstudie?

Eine Handstudie ist die zeichnerische, anatomisch genaue Erfassung der menschlichen Hand. Früher dienten Handstudien als Vorbereitung für grosse Gemälde und Skulpturen: Bevor ein Künstler eine Hand auf eine Wand malte oder in Marmor schlug, studierte er sie auf Papier – Anordnung, Proportionen, Gelenke, Muskeln.

 

Der siebenstufige bildnerische Prozess

 

1 Beobachten

Auftrag 1.1 – Die eigene Hand untersuchen

Lege deine nicht zeichnende Hand vor dich hin. Betrachte sie einige Minuten lang, ohne zu zeichnen. Bewege die Finger langsam, balle eine Faust, öffne sie wieder. Notiere in deinem Skizzenbuch Beobachtungen zu diesen vier Punkten:

  • Anordnung: Wie liegen die Finger nebeneinander? Wo setzt der Daumen an?
  • Proportionen: Welcher Finger ist am längsten? Wie lang ist die Handfläche im Vergleich zu den Fingern?
  • Gelenke: Liegen die Fingerknöchel auf einer geraden Linie oder auf einem Bogen?
  • Muskeln und Sehnen: Was verändert sich auf dem Handrücken, wenn du eine Faust machst?

 

Proportionen der Hand – Faustregeln

•     Die ganze Hand (Handgelenk bis Mittelfingerspitze) ist etwa so lang wie dein Gesicht vom Kinn bis zum Haaransatz.

•     Die Handfläche ist ungefähr so lang wie der Mittelfinger.

•     Der Mittelfinger ist am längsten, Zeige- und Ringfinger sind ungefähr gleich lang, der kleine Finger endet etwa auf Höhe des obersten Gelenks des Ringfingers.

•     Die Fingerknöchel liegen auf einem Bogen, nicht auf einer Geraden – das gilt auch für die Fingerspitzen.

•     Jedes Fingerglied ist etwas kürzer als das vorangehende (von der Handfläche aus gezählt).

Überprüfe jede Regel an deiner eigenen Hand. Hände sind verschieden – deine Beobachtung zählt mehr als die Regel.

Auftrag 1.2 – Bildanalyse: Hände bei den Meistern

Schau dir die folgenden Werke an (Abbildungen im Unterricht bzw. online). Wähle zwei davon und beantworte in Stichworten: Welche Emotion lese ich? Wodurch entsteht sie – Grösse, Geste, Linie oder Licht?

2 Sammeln

Auftrag 2.1 – Wähle deine Emotion

Gefühlsstarke Hände sind nicht unbedingt anatomisch perfekt. Sie machen innere Zustände sichtbar. Wähle eine Emotion aus der Tabelle (oder eine eigene nach Absprache).

Auftrag 2.2 – Finde deinen Gegenstand

Suche einen Gegenstand, den deine Hand hält und der die Emotion verstärkt. Beispiele: ein zerknülltes Blatt Papier (Wut), ein Vogelnest oder Ei (Geborgenheit), ein Schlüssel (Angst, Abschied), eine verwelkte Blume (Trauer). Der Gegenstand sollte nicht grösser als deine Hand sein, sonst verschwindet die Hand dahinter.

Auftrag 2.3 – Referenzfotos

Fotografiere deine Hand mit dem Gegenstand (eine Mitschülerin oder ein Mitschüler hilft dir). Mache mindestens 6 Fotos aus ungewöhnlichen Perspektiven:

  • Froschperspektive (von unten) oder Vogelperspektive (von oben)
  • Starke Verkürzung: Die Finger zeigen direkt auf die Kamera
  • Sehr nah, angeschnitten: Nur ein Teil der Hand ist im Bild
  • Seitliches Streiflicht (Lampe oder Fenster): Es entstehen klare Licht- und Schattenzonen

Tipp: Fotografiere immer mit einer einzigen, seitlichen Lichtquelle. Ohne klares Licht und Schatten funktioniert Chiaroscuro später nicht.

3 Experimentieren

Auftrag 3.1 – Vier Methoden, um die Hand zu erfassen (Bleistift)

Zeichne deine Hand mit jeder der vier Methoden mindestens einmal (insgesamt mind. 4 Skizzen, je ca. 15–20 Minuten). Zeichne jedes Mal eine andere Pose.

Auftrag 3.2 – Rötel kennenlernen: drei Tonwerte

Auf getöntem Papier arbeitest du mit dem Prinzip der drei Tonwerte:

  • Papier = Mittelton. Das Papier übernimmt die mittleren Hauttöne. Du lässt es an vielen Stellen frei.
  • Rötel = Schatten. Damit zeichnest du Linien, Schatten und Dunkelheiten.
  • Weisse Kreide = Licht. Damit setzt du nur die hellsten Stellen (Glanzlichter auf Knöcheln, Fingernägeln, Kanten).

Lege auf zwei verschiedenen Papierfarben je eine Tonwertleiste an (von hellem Weiss über Papierton bis zum dunkelsten Rötel). Teste: Strich, Schraffur, Kreuzschraffur, mit dem Finger oder Papierwischer verwischt. Welches Papier passt zu deiner Emotion?

Auftrag 3.3 – Ausdrucksskizzen

Zeichne deine gewählte Pose (mit Gegenstand) mindestens dreimal klein, jeweils mit einer anderen Ausdrucksstrategie:

  1. Übersteigerung: Vergrössere die Hand oder verlängere die Finger bewusst (wie Kollwitz oder Schiele).
  2. Linie: Einmal mit ruhigen, weichen Linien, einmal mit nervösen, zackigen, mehrfach korrigierten Linien.
  3. Licht: Starkes Hell-Dunkel mit tiefen Schatten zwischen den Fingern, Falten und hervortretenden Sehnen.

4 Entscheiden

Auftrag 4.1 – Konzept festlegen

Lege alle Skizzen nebeneinander und entscheide dich für:

  • eine Pose und eine Perspektive (Referenzfoto)
  • eine Ausdrucksstrategie (Übersteigerung, Linie, Licht – oder eine Kombination)
  • eine Papierfarbe (mittleres Grau, Kraftpapier-Braun, Terra di Siena oder venezianisches Blau)

Auftrag 4.2 – Schriftliche Begründung

Schreibe 4–5 Sätze in dein Skizzenbuch: Welche Emotion willst du zeigen? Wie machst du sie sichtbar? Warum passt dein Gegenstand? Warum hast du diese Papierfarbe gewählt? Bespreche dein Konzept kurz mit der Lehrperson, bevor du startest.

5 Verdichten

Auftrag 5.1 – Die Handstudie umsetzen

Arbeite in dieser Reihenfolge:

  1. Grundaufbau: Lege die Hand mit sehr leichten Rötellinien an (Gelenk- oder Kubistische Methode). Fülle das Format: Die Hand soll gross und bildbestimmend sein.
  2. Kontrolle: Prüfe Proportionen und Perspektive mit deinem Referenzfoto. Halte die Zeichnung auf Armlänge oder fotografiere sie und betrachte sie gespiegelt – Fehler fallen so sofort auf.
  3. Schatten: Baue die Schatten mit Rötel schrittweise auf, von hell nach dunkel. Die dunkelsten Stellen kommen zuletzt.
  4. Licht: Setze die weisse Kreide erst am Schluss und sparsam. Wenn alles weiss ist, leuchtet nichts mehr.
  5. Ausdruck verstärken: Betone die Stellen, die deine Emotion tragen (z. B. Knöchel bei der Faust, schlaffe Fingerspitzen bei Trauer).
  6. Fixieren: Die Lehrperson fixiert die fertige Zeichnung.

Qualitäts-Check – darauf achten wir

  • Proportionen und Gelenke sind nachvollziehbar (bewusste Übersteigerung ist erlaubt, wenn sie zur Emotion passt).
  • Die Perspektive ist ungewöhnlich und konsequent durchgezogen.
  • Das Papier bleibt als Mittelton sichtbar; Schatten und Lichter sind klar getrennt.
  • Hand und Gegenstand machen eine Emotion lesbar.

Die Zeichnung ist sauber: kein verschmierter Hintergrund, keine ungewollten Fingerabdrücke.

6 Dokumentieren

Auftrag 6.1 – Fotodokumentation

Fotografiere deinen Prozess und lege die Bilder in deinem Ordner ab. Mindestens:

  • dein gewähltes Referenzfoto
  • deine vier Methoden-Skizzen und die Ausdrucksskizzen
  • zwei Zwischenstände der Hauptarbeit (nach dem Grundaufbau und nach den Schatten)
  • das fertige Ergebnis (gerade von oben, bei Tageslicht, ohne Schatten)
  • mindestens eine Detailaufnahme einer gelungenen Stelle

7 Präsentieren

Auftrag 7.1 – Stille Galerie

Alle Handstudien werden ohne Titel ausgelegt. Geht schweigend durch die Galerie. Lege neben jede Zeichnung einen Zettel mit der Emotion, die du liest, und einem Wort dazu, woran du sie erkennst. Danach vergleichst du: Haben die anderen deine Emotion erkannt? Wenn nicht – woran könnte es liegen?

Auftrag 7.2 – Selbstreflexion

Beantworte die Reflexionsfragen schriftlich (siehe unten).

Materialien und Hilfsmittel

  • Bleistifte HB, 2B, 4B, 6B und Skizzenpapier bzw. Skizzenbuch
  • Rötelstifte (z. B. Conté à Paris) und weisse Kreide bzw. weisser Pastellstift
  • optional: Sepia- oder Schwarzstift für die tiefsten Dunkelheiten
  • Getöntes, mattes Papier, A3: mittleres Grau, Kraftpapier-Braun, Terra di Siena oder venezianisches Blau
  • Knetradiergummi, Papierwischer, ein Schutzblatt für die Zeichenhand
  • ein Gegenstand, passend zur gewählten Emotion
  • Fixativ (wird nur von der Lehrperson verwendet)

Digitale Tools

  • Smartphone oder Tablet für Referenzfotos und Prozessdokumentation

Weblinks

  • Käthe-Kollwitz-Museum Berlin, Hände im Werk von Käthe Kollwitz: www.kaethe-kollwitz.berlin/kaethe-kollwitz/haende/
  • Rötelstift Conté à Paris: www.gerstaecker.ch

Bewertungsraster


Erstelle deine eigene Website mit Webador